Match Lasker - Marshall 1907 in New York, Philadelphia, Washington DC, Baltimore und Memphis/ USA

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Emanuel Lasker

Deutschland


Frank Marshall
USA

  1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 Punkte
Marshall 0 0 0 ½ ½ ½ ½ 0 ½ ½ ½ 0 0 0 0 3½
Lasker 1 1 1 ½ ½ ½ ½ 1 ½ ½ ½ 1 1 1 1 11½
Nach dem Tode Pillsburys am 17. Juni 1906 blieben noch drei Anwärter, die sich um einen Wettkampf mit Lasker bewarben — Tarrasch, Janowski und Marshall. Wem sollte er den Vorzug geben? Lasker erklärte sich bereit, mit jedem zu spielen, der seine Bedingungen annähme. Mißlungene Versuche hatten schon alle unternommen. Schließlich entschloß sich Marshall, zunächst mit jenen zu spielen, die den Weltmeister bereits vor ihm herausforderten, um so das moralische Recht zu erwerben, der Erste unter den Kandidaten zu sein. Wie bereits erwähnt, hatte er Anfang 1905 in Paris gegen Janowski gewonnen. Im Herbst des gleichen Jahres traf Marshall in Nürnberg auf Tarrasch und ... erlitt ein Fiasko: Das Ergebnis zugunsten des deutschen Meisters lautete +8, -1, =8! Nach einem solchen Abschneiden war es selbstverständlich schwer, Mäzene zu finden, die ihm einen Wettkampf mit Lasker ermöglicht hätten. Wie die Luft zum Atmen brauchte er einen Sieg, der in der Welt zählte.

Und diesen errang er im nächsten Jahr, ebenfalls in Nürnberg, auf dem Kongreß des Deutschen Schachbundes. Marshall verlor keine einzige Partie, holte 12,5 Punkte aus 16 möglichen und überflügelte den zweiten Preisträger, den böhmischen Meister Oldrich Duras, einen aufgehenden Stern am Schachhimmel, um anderthalb Punkte. Er erzielte 5.5 Punkte mehr als Tarrasch, der nur den 11. Platz belegte, und 8,5 Punkte mehr als Janowski, der sich mit dem polnischen Meister David Przepiorka den letzten Platz teilte. Der 29jährige Marshall fühlte sich erneut in seiner Zuversicht bestärkt und übermittelte Lasker eine Herausforderung.

Und der Weltmeister? In diesen Jahren lebte er in Amerika, brachte in New York sein Schachjournal heraus, gab Simultanveranstaltungen, hielt Vorlesungen. Nur einmal, im Juli 1906, nahm er an einem kleinen doppelrundigen Turnier in der amerikanischen Kleinstadt Trenron Fals im Staate New York teil. Außer ihm wirkten noch drei Spieler mit — Curt, Fox und Raubicek, und Lasker kam mit 5 Punkten aus 6 Partien (+4, -0, =2) leicht zum Erfolg.

Nachdem er die neue Herausforderung erhalten hatte, beschloß Lasker, in seinen finanziellen Forderungen herunterzugehen, weil er spürte, daß in der amerikanischen Öffentlichkeit ein großes Interesse an diesem Wettkampf bestand.

Und als alle Vereinbarungen unter Dach und Fach waren, konnte der siebente Wettkampf in der Geschichte der Schachweltmeisterschaften in New York beginnen. Dies geschah am 26.Januar 1907, zehn Jahre nach der Wettkampfrevanche Lasker - Steinitz. Diesmal spielten die Kontrahenten, wie von Lasker gefordert, auf 8 Gewinnpartien.

Schon die ersten Treffen zeigten, wie gegensätzlich die Partner in ihrem Herangehen an den Schachkampf, in ihrem Stil und in ihrem Eröffnungsgeschmack waren. Auch in ihrem Charakter und dem Äußeren unterschieden sie sich gewaltig, sieht man einmal davon ab, daß beide leidenschaftliche Zigarrenraucher waren ... Klein an Wuchs, zurückhaltend in seinen Bewegungen, bewundernswert kaltblütig in den schärfsten Momenten des Kampfes, angefüllt mir einer kolossalen Phantasie und gleichzeitig die Quintessenz der positionellen Lehre nie außer acht lassend, alle Nuancen in den Gemütsbewegungen des Gegners spürend und die geringsten Versehen fein nutzend — so stellte sich der Weltmeister den amerikanischen ,,Fans" dar. Er machte den Eindruck einer rätselhaften Sphinx, der alle Geheimnisse der Schachkunst untertan waren!

Frank Marshall war zehn Jahre jünger und von beeindruckendem Äußeren: fast zwei Meter groß, mit sorgfältig rasiertem Gesicht und dem Profil eines Mephisto. Uhrkette und Krawatte zierten bronzene Springer. Darin widerspiegelte sich offensichtlich auch die Natur des Schachspielers -  eines Romantikers auf dem Schlachtfeld, eines prägnanten Verfechters des Kombinationsstils, eines Meisters der Attacke und des Gegenangriffs, eines Kenners der Eröffnungstheorie, eines kühnen Ritters des Schachbretts!

Lasker war in internationalen Turnieren erst zweimal auf ihn getroffen: 1900 in Paris zog er den kürzeren, 1904 in Cambridge Springs endete die Partie remis. Trotzdem zweifelte er nicht an seinem Erfolg, weil er inzwischen genügend Zeit fand, seinen Gegner zu studieren, seine starken und schwachen Seiten zu erkennen. Marshall war ein großer Turnierspieler, doch in Wettkämpfen, in denen er es ständig mit demselben Gegner zu tun hatte, vermochte er nie an seine besten kämpferischen Qualitäten anzuknüpfen. Dies bewies auch sein Zweikampf mit Tarrasch. Deshalb konnte Lasker innerlich davon überzeugt sein, daß viele Komponenten in dem bevorstehenden Duell für ihn sprechen würden.

Schon in der 1. Partie überraschte er seinen Gegner, als er im 13. Zuge einen Springer opferte. Dies war für Marshall ein schwerer psychologischer Schlag, galt er doch selbst als ein glänzender Meister der Opferkombination und hatten die Amerikaner doch gerade von ihm ein solches Spiel erwartet.

Nach dieser Niederlage spielte Marshall in allen seinen Weiß-Partien nur noch 1.d2-d4. Ebenso beständig entschied sich Lasker für 1.e2-e4. Auch in den Eröffnungen gab es keine große Vielfalt — Damengambit (mir einer Ausnahme, als Lasker f7-f5 antwortete) und Französische Verteidigung. Das Damengambit war eine Lieblingswaffe Marshalls, doch verstand es Lasker, es in für den Gegner unersprießliche Bahnen zu lenken. An der Französischen Verteidigung hielt der amerikanische Meister deshalb so hartnäckig fest, weil sein Gegner gegen sie keinen nennenswerten Vorteil erzielte.

Nach drei Partien stand es 3:0 für den Weltmeister. Marshall war indes noch nicht geschlagen. Davon zeugten die nächsten drei Begegnungen des New-Yorker Teils des Wettkampfes, die nach zähem Ringen remis endeten. Anschließend übersiedelten die Kontrahenten nach Philadelphia, wo sie weitere drei Partien absolvierten. Je ein Treffen konnten die Schachfans in Baltimore und Chicago erleben, dann wurden drei Begegnungen in Memphis ausgetragen, während sich der Abschluß des Wettstreits wieder in New York vollzog.

Der Wettkampf wurde durch die Ortswechsel zwar in sechs Abschnitte geteilt, seinem Charakter nach zerfiel er jedoch in drei Etappen. Die erste bestand aus den Begegnungen am Starr, die zum 3:0 führten. Die zweite — eine originelle Mittelphase — umfaßte die nächsten acht Partien, von denen sieben remis ausgingen und eine von Lasker gewonnen wurde. Die dritte Etappe am Schluß des Wettkampfes machte wieder die uneingeschränkte Überlegenheit des Weltmeisters deutlich: vier Partien — vier Siege!

Der Wettkampf  Lasker - Marshall endete erstmals in der Geschichte des Schachs mit einem hundertprozentigen Ergebnis von 8:0! Dieses Resultat bereitete nicht nur Marshall, sondern auch ... Tarrasch eine Enttäuschung. Immerhin war er auf seinen Sieg über den Amerikaner (8 :1) mächtig stolz und glaubte, daßdas Ergebnis nicht zu überbieten sei. Damals trat er auf einem Bankett, das der Nürnberger Schachklub ihm zu Ehren gab, mir einer Erklärung auf, in der er sagte: ,,Nach diesem meinem neuen und bedeutendsten Erfolg glaube ich nicht, daß die Schachwelt irgendeinem anderen mir gegenüber den Vorrang geben kann. In der Tat: Es ist weitaus schwerer, den jungen Marshall zu besiegen als den hochbetagten Steinitz! ... Die Schachwelt muß in Gestalt ihrer führenden Organisationen in Deutschland und Amerika, d. h. des Deutschen Schachbundes und der amerikanischen Klubs, akzeptable Bedingungen schaffen, die uns animieren und wenn nötig zwingen, in einen Zweikampf einzutreten. Wenn die Schachwelt es wünscht, wird sie den Wettkampf Lasker - Tarrasch erhalten."

Das Treffen zwischen Lasker und Marshall war der erste Wettkampf um die Weltmeisterschaft im neuen Jahrhundert. In ihm deuteten sich gleichsam die Tendenzen künftiger derartiger Auseinandersetzungen an. Diese waren nicht mehr durch eine Vielzahl verschiedener Eröffnungen geprägt, sondern der Kampf auf höchstem Niveau lief zunehmend auf die Verteidigung neuester Ideen und solider elastischer Eröffnungssysteme hinaus.