Match Lasker - Steinitz 1894 in New York, Philadelphia, Montreal/ USA/ Kanada

Partien im Format: PGN        Partien im Format: ChessBase 6.0


Emanuel Lasker
Deutschland

 
Wilhelm Steinitz

USA

  01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 Punkte
Lasker 1 0 1 0 ½ ½ 1 1 1 1 1 ½ 0 0 1 1 0 ½ 1 12
Steinitz 0 1 0 1 ½ ½ 0 0 0 0 0 ½ 1 1 0 0 1 ½ 0 7

  
Wettkampfpartie Steinitz - Lasker in Montreal 1894

Schon vor Beginn des Turniers in New York im September 1894 hatte Emanuel Lasker eine Herausforderung an Wilhelm Steinitz geschickt. Welch Gunst der Stunde! Der Weltmeister war nicht nur bereit, sich dem jungen Berliner im Wettkampf zu stellen, sondern kam ihm auch in vielem entgegen. So wollte Steinitz in Havanna spielen, während Lasker die Vereinigten Staaten oder Kanada vorschlug. Schließlich einigte man sich auf die Austragungsorte New York, Philadelphia und Montreal. Als Einsatz legte Steinitz die für damalige Verhältnisse fantastische Summe von 5000 Dollar fest. Als er jedoch sah, dass Lasker nicht in der Lage war, so viel Geld aufzubringen, ging er auf 3000 herunter. Außerdem wurde der Wettkampf, wie von Lasker angestrebt, auf 10 Gewinnpartien angesetzt.

Wie war eine derartige Nachgiebigkeit zu deuten? Immerhin hatte Steinitz 1892 nach seinem Siege über Tschigorin erklärt, keine weiteren Wettkämpfe um die Weltmeisterschaft bestreiten zu wollen. Möglicherweise stieß er sich an dem Selbstbewusstsein des Herausforderers, der auf die Frage eines Korrespondenten des ,,Chicago Herold"‘ ob er Steinitz zu schlagen hoffe, seine Gewissheit über einen für ihn günstigen Ausgang des Wettkampfes unmissverständlich zum Ausdruck brachte:

"Ich weiß, dass mir ein sehr schwieriger Kampf bevorsteht. Um Steinitz zu bezwingen. muss ich all meine Kräfte aufbieten, muss ich besser spielen und meine Kombinationen tiefer durchdenken, als dies bisher erforderlich war. Ich habe eine hohe Meinung von der Kunst Steinitz‘. Ich bin mir bewusst, dass es schwer wird, ihm den Titel des Weltmeisters zu entreißen, einen Titel, den er mehr als ein Vierteljahrhundert so ehrenvoll verteidigte. Trotzdem bin ich davon überzeugt, diese Aufgabe zu lösen ... Vielleicht stellt sich heraus, dass ich eine Überraschung parat halte, die sowohl Steinitz als auch die ganze Welt in Erstaunen setzt ... In mir brennt zu viel Ehrgeiz, als dass ich den Titel des Champions unserer Erde nicht erringen würde."

Auf Seiten Steinitz‘ lag eine riesige Erfahrung des Kampfes auf höchster Ebene. Für ihn war dies nun schon der fünfte Wettkampf um die Weltmeisterschaft. In den vier vorangegangenen spielte er 79 Partien, von denen er 36 gewann und 20 zum Remis führte. Schon vor den Duellen um die Weltmeisterschaft absolvierte er in den 60er und 70er Jahren Wettkämpfe, darunter mit so weltbekannten Schachspielern wie Adolf Anderssen, Joseph Blackburne. Henry Bird, Johann Zukertort, und alle konnte er überzeugend gewinnen. Weniger erfolgreich schnitt er in dieser Zeit bei einigen stark besetzten Turnieren ab, auf denen er seinen Konkurrenten den Vortritt lassen musste. Als er die Gründe für seine instabilen Leistungen analysierte, kam er zu der Schlussfolgerung, ,,dass das Kombinationsspiel mitunter zwar schöne Ergebnisse zeitigt, jedoch keine gleich bleibenden Erfolge garantieren kann", dass Kombinationen mit effektvollen Opfern größtenteils nur bei einer schwachen Verteidigung möglich sind. Die Verteidigung zu verstärken, neue, nicht kombinatorische Wege im Kampf gegen starke Partner zu erschließen - das war die Aufgabe. die sich Steinitz stellte. Um das Schaffen der besten Schachspieler tiefer und objektiver erforschen zu können, verzichtete er sogar auf die Teilnahme an zwei so bedeutenden internationalen Turnieren wie in Paris 1878 und Berlin 1881, auf denen er sich nur als Korrespondent blicken ließ. Nach langer Pause war Steinitz schließlich auf den Turnieren in Wien 1882 und London 1883 wieder dabei. Im ersten teilte er sich mit Winawer aus Warschau den 1. - 2. Platz, im zweiten landete er 3 Punkte (!) hinter Zukertort auf dem 2. Rang.

Gleich nach dem Turnier forderte er diesen zum ersten offiziellen Wettkampf um die Schachweltmeisterschaft heraus. Die Verhandlungen zogen sich indes drei Jahre hin. Dieses historische Ereignis, das vom 11.Januar bis 29. März 1886 stattfand, endete nach dramatischem Verlauf mit einem überzeugenden Sieg Steinitz‘ ( + 10, - 5, = 5) und seiner feierlichen Proklamierung zum ersten Schachweltmeister der Geschichte. Jetzt hatte er auch das moralische Recht erlangt, laut und vernehmlich die neuen Prinzipien seiner Lehre zu verkünden.

Steinitz entfaltete eine energische literarische Tätigkeit und propagierte seine Ansichten auf dem Gebiet des Schachs in der von ihm begründeten Zeitschrift ,,International Chess Magazine" (1885 - 1891) sowie in Schachspalten einer Reihe amerikanischer Zeitungen. Indem er Ideen seiner Vorgänger - Philidor, Labourdonnais, Petrow, Staunton, Morphy - weiterentwickelte, bereicherte Steinitz das Schach durch neue Erkenntnisse, erarbeitete er eine positionelle Lehre, die eine echte Umwälzung in Theorie und Praxis des Schachs bewirkte, Steinitz ging bei der Stellungsbeurteilung von solchen Kennzeichen aus wie Entwicklungsvorsprung, Besetzung des Zentrums, Beherrschung offener Linien, Vorhandensein schwacher Punkte im gegnerischen Lager, Bauernmehrheit am Damenflügel, Vorteil des Läuferpaares ... Positionsvorteile tragen teils vorübergehenden, teils dauerhafteren Charakter, unterstrich Steinitz. Dabei lenkte er die Aufmerksamkeit auch auf die Rolle des Königs. Er zeigte, dass dieser in einigen Fällen eine starke Figur ist, die sich gut selbst verteidigen und mitunter auch einen Angriff unterstützen kann. Auf diese Weise wurden die Horizonte der Verteidigung in der Schachpartie erweitert. Wer über einen Positionsvorteil verfügt, behauptete Steinitz. muss diesen allmählich vergrößern und im Moment der Kulmination eine entscheidende Fortsetzung finden, die zum Gewinn führt. Anderenfalls kann die Initiative verloren- und an den Gegner übergehen. In dieser Dialektik besteht der tiefe Sinn des Schachkampfes.

In der Lehre Steinitz‘ gab es jedoch auch eine ,,Achillesferse". Die konkrete Analyse wurde nicht selten durch allgemeine Erwägungen über den relativen Wert von Zügen, die relative Stärke von Figuren usw. ersetzt, was den Behauptungen Steinitz und besonders seiner Nacheiferer einen abstrakten und mitunter dogmatischen Stempel aufdrückte. Die Folge war eine Beeinträchtigung des Schöpfertums im Schach, der Rolle der Fantasie und der Intuition, der Möglichkeiten des Kombinationsspiels führte.

Weit davon entfernt, allen Prinzipien der ,,neuen Schule" bedingungslos zu folgen, war Emanuel Lasker. Er hielt es sowohl mit Steinitz als auch mit Michail Tschigorin, wenn er seine fundierte Strategie mit prägnanten kombinatorischen Ideen und einer zulässigen Portion Risiko verband, die auf einer tief schürfenden Analyse und konkreten Stellungsbeurteilung beruhte, aber auch feinfühlig die Besonderheiten im Spiel des Gegners berücksichtigte.

Kurz vor Beginn des Wettkampfes trafen sich die Kontrahenten überraschend im Manhattan-Schachklub. Dabei kam ihr Gespräch u. a. auf den 6. Zug von Schwarz im Evans-Gambit (1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 4.b4 Lxb4 5.c3 La5 6.0-0 Df6), den Steinitz in seinem Lehrbuch ,,The Modern Chess Instructor" empfahl und 1890/91 in einem telegrafischen Wettkampf gegen Tschigorin angewandt hatte. Lasker hielt den Zug 6...Df6 für schlecht. Steinitz nahm seine Entdeckung beharrlich in Schutz. Beide spielten sogar drei freie Partien, in denen Lasker die weißen Steine führte. Der Vergleich ging ,,bis aufs Messer" (kein Unentschieden) und endete 2:1 zu Gunsten des Weltmeisters. Als die Tschigorinsche Zeitschrift ,,Schachmaty" darüber berichtete, hieß es dort, dass der Zug 6.... Df6 wohl doch nicht so einfach zu widerlegen sei.

Der Wettkampf Steinitz - Lasker begann am 15. März 1894 und war, wie bereits erwähnt, auf 10 Gewinnpartien angesetzt.

Als Zeitlimit waren im Wettkampf Steinitz - Lasker 2 Stunden für 30 Züge und 1 Stunde für jeweils 15 weitere Züge festgelegt. Während die Schachuhren die Sekunden für beide Partner mit gleicher Regelmäßigkeit zählten, zeigten die ,,Zifferblätter" des Lebens jedoch keine Identität. War der Herausforderer Emanuel Lasker drei Monate vor dem Wettkampf 25 Jahre alt geworden, vollendete sein Partner Wilhelm Steinitz zwei Monate später sein 58. Lebensjahr. Der Auslosung entsprechend hatte Lasker in der 1. Partie wie in allen weiteren ungeraden Begegnungen Weiß. Er eröffnete mit dem Königsbauern: 1.e2 - e4! Der Wettkampf begann. In der Spanischen Partie wählte Steinitz seine Lieblingsvariante, die heute nach ihm benannt ist. Schwarz erhielt eine ziemlich feste Stellung. Lasker versuchte, nachdem er den König auf den Damenflügel gebracht hatte, am Königsflügel anzugreifen. Steinitz konnte die Absichten des Gegners jedoch souverän parieren, und im 32. Zuge kam es zum Damentausch. Anschließend manövrierte Lasker sehr fein mit dem Springer, bedrohte die schwachen Bauern des Gegners und eroberte einen von ihnen. Nach langem Widerstand gab sich Steinitz im 60. Zuge geschlagen. Obwohl der Wettkampf, wie man sagt, hinter verschlossenen Türen stattfand und nicht Hunderte von Augenpaaren auf die Szene gerichtet waren, gab es für die Schachwelt über die Bedeutung des Treffens und seines Ausgangs keinerlei Zweifel. Sofort nach Abschluss jeder Begegnung wurden denn auch das Resultat und die Notation telegraphisch in alle Teile der Erde übertragen!

Der Kampf verlief ungewöhnlich spannend: Von den acht New-Yorker Partien dauerten zwei mehr als 70, die anderen 40 bis 50 Züge. Als kürzeste erwies sich die 2. Partie, in der Steinitz so stürmisch angriff. Dabei gelang es ihm, für einen Turm zwei Figuren und einen Bauern zu gewinnen und den Gegner im 42. Zuge zur Aufgabe zu zwingen.

Auch in der 3. Partie war man weit davon entfernt, sich streng an die Prinzipien der "neuen Schule" zu halten. Nach Spannungsgehalt und Dramatik der Ereignisse gehörte sie zu den interessantesten des Wettkampfes. Lasker, von dem Plan der Überführung eines Springers ins gegnerische Lager inspiriert, ließ den König ebenfalls in der Mitte stehen. Dies gestattete Steinitz, gefährliche Gegendrohungen zu schaffen. Als Schwarz meinte, Gewinnchancen zu haben, begann er, zu riskant vorzugehen. Lasker konnte seinen König auf den Damenflügel führen, ein materielles Übergewicht behaupten und den Erfolg sicherstellen.

"Ein vernünftiger Plan macht alle zu Helden", hat Lasker irgendwann einmal gesagt. Die vorliegende Partie unterstreicht dies. Von Interesse ist sie aber auch unter anderem Aspekt. Lasker wandte in ihr eine originelle strategische Idee an, die den frühzeitigen Vorstoß des weißen f-Bauern über die Demarkationslinie vorsah, um das Feld e6 unter Kontrolle zu nehmen, das der Damenspringer dann auf der Marschroute c3 - e2 - d4 - e6 ansteuerte. Hier nahm er eine dominierende Position ein, engte die Beweglichkeit der gegnerischen Kräfte ein und sicherte den Erfolg der eigenen Armee. Zwanzig Jahre später verwirklichte Lasker erneut einen derartigen Plan und trug damit in der historischen Partie gegen José Raoul Capablanca auf dem Internationalen Turnier in Petersburg den Sieg davon.

Der New-Yorker Teil des Wettkampfes erinnerte an eine Schaukel ... In der 4. Partie glich Steinitz den Gesamtstand erneut aus. Beeinflußt durch den scharfen Verlauf des bisherigen Ringens, griff Lasker in dieser Begegnung zu waghalsig an. Der Weltmeister wählte erstmalig die Italienische Partie. Lasker brachte an beiden Flügeln seine Springer zum Einsatz, opferte einen von ihnen und erhielt scheinbar unwiderstehlichen Angriff am Königsflügel. Er unterschätzte dabei aber die Gefahren, die sich in der Diagonale a2 - g8 auftaten. Nach dem Orkan, der über das Brett tobte, hat Weiß nun einen Bauern mehr, den er im 60. Zuge zum Gewinn verwertete.

Die nächsten beiden Partien endeten nach zähem Kampf remis, ohne dass das Gleichgewicht gestört worden wäre. Damit stand es 3:3. Am 3. April 1894 wurde die 7. Partie gespielt, die eine Wende im Wettkampf brachte.

Kommentatoren dieser Begegnung tadelten Steinitz gewöhnlich dafür, dass er, nachdem er aus der Eröffnung heraus ein großes materielles Übergewicht von zwei Bauern erlangte, zu vorsichtig agierte und es dem Gegner so ermöglichte, das Spiel maximal zu seinen Gunsten zu verschärfen. Dabei ließen sie jedoch psychologische Nuancen außer acht, insbesondere die Tatsache, dass Steinitz nie zuvor auf einen Gegner traf, der sich derart hartnäckig und erfindungsreich zur Wehr setzte.

Statt seinen Materialvorteil aktiv zu nutzen, zog er es daher vor, sich passiv zu verteidigen - und verlor. Lasker war indes gewohnt, auch in schwierigen Situationen bis zuletzt zu kämpfen. Es genügt, an seine Partie gegen Mieses (Nr. 3) zu erinnern. Er glaubte an die Unerschöpflichkeit des Schachs, an die reichen Möglichkeiten komplizierter Stellungen, in denen noch ausreichend Material auf dem Brett war.

Die folgende 8. Partie, die letzte im New-Yorker Zyklus, verdient in vielem das Attribut ,,erstmals": Lasker wählte in diesem Wettkampf erstmals die Französische Verteidigung, erstmals gewann Schwarz, und erstmals wuchs der Vorsprung auf zwei Punkte an. Man spürte, dass Steinitz nach der in der vorigen Begegnung durchlebten Erschütterung noch nicht wieder zu sich gekommen war.

Viele seiner Bewunderer glaubten, dass ihm die Woche, die den Teilnehmern zur Verfügung stand, um in die damals drittgrößte Stadt Nordamerikas, Philadelphia, überzusiedeln, helfen würde, seine Kräfte wieder zu finden. Sie erlebten jedoch eine noch schlimmere Enttäuschung. Der Weltmeister verlor hier alle drei Partien. Eine von ihnen, die 9., hielt Lasker für seine beste in diesem Wettkampf.

Das feine Positionsspiel der weißen Figuren, besonders des Königs, der in dieser Partie eine seltene Aktivität entfaltete (von den gemachten 49 Zügen kommen allein 12 auf sein Konto!), hinterläßt einen starken Eindruck. Die 10. Partie gab Steinitz wegen einer unabwendbaren Mattdrohung schon nach 34 Zügen auf, in der 11. kapitulierte er, in Zugzwang geraten, im 38. Zuge. Auch ein Wechsel des Eröffnungsrepertoires half ihm nicht. In der 10. Partie begann Steinitz das Spiel erstmals in diesem Wettkampf mit dem d-Bauern. Dies geschah vermutlich unter dem Eindruck der Niederlage gegen die Französische Verteidigung in der 8. Partie. jedenfalls eröffnete der Weltmeister, angefangen mit der 10.. alle Weißpartien mit 1.d4. Im übrigen variierte auch Lasker von der 11. Partie an zwischen 1.d4 und 1.e4. Dabei trug er in allen drei Begegnungen. in denen er das Spiel mit dem Damenbauern eröffnete, den Sieg davon. In den übrigen Partien, in denen er als Weißer mit 1.e4 begann, erzielte er 4,5 Punkte von 7 möglichen ( + 4, - 2, = 1).

Von Philadelphia zogen die Kontrahenten nach Montreal um. Der Wettkampf stand zu diesem Zeitpunkt 7:2 (nicht gerechnet die Punkteteilungen). Anders ausgedrückt: um Weltmeister zu werden, musste Lasker noch drei Partien gewinnen, während Steinitz, um seinen Titel zu verteidigen, acht Siege benötigte! Der Wechsel von den mächtigen Industriezentren in die stille, zu jener Zeit provinzielle kanadische Stadt wirkte sich zunächst günstig auf das Spiel Steinitz‘ aus. Hinzu kam, dass Lasker wahrscheinlich so fest von seinem baldigen Gesamtsieg überzeugt war, dass er die nächsten drei Begegnungen weniger zielbewusst bestritt und aus ihnen lediglich einen halben Punkt holte, nachdem er in der 13. und 14. Partie den kürzeren gezogen hatte. Erst hier spürte Lasker, wie gefährlich es sein kann, in der Aufmerksamkeit nachzulassen, wenn die Schlacht noch nicht endgültig geschlagen ist. In der folgenden 15. Partie setzte er sich voll konzentriert ans Brett, erlangte in der Eröffönung, einem Damengambit, ein kleines positionelles Übergewicht, das er allmählich vergrößerte. So errang Lasker im Stile der ,,neuen Schule" den Sieg über deren Begründer. Nicht von ungefähr hörte man Steinitz später sagen: ,,Er bezwang mich mit meinen eigenen Waffen."

Ebenso interessant war das Spiel Laskers in der 16. Partie. In ihr demonstrierte er ein breites Arsenal klassischer Verfahren - einen Gegenschlag im Zentrum als Antwort auf einen Flankenangriff, die Sprengung eines Bauernkeils und eine rechtzeitige Blockade. Im Endspiel bewies er jedoch entgegen allen traditionellen Ansichten, ein Läufer sei dem Springer in offenen Stellungen überlegen, dass es im Schach wie auch im Leben sehr viele Ausnahmen von den allgemein anerkannten Regeln gibt.

In der 17. Partie erzielte Steinitz seinen letzten Sieg in diesem Wettkampf. Diesmal befanden sich Laskers Figuren in einer Lage. die einem Zugzwang nahekam. Als er seine Ausweglosigkeit erkannte, beschloß er, den Kampf nicht in die Länge zu ziehen. Die nächste Begegnung endete remis.

Am 26. Mai 1894 wurde die 19. Partie gespielt, die die letzte sein sollte. Schon im 29. Zuge gewann Lasker die Qualität. Und obwohl sich Steinitz hartnäckig zur Wehr setzte, fühlten die Anwesenden, dass sich das Finish der grandiosen Schlacht abzeichnete. Symbolisch ist, dass gerade ein Königszug Laskers schließlich alles perfekt machte: 52.Kd3 - c2!

In diesem Moment stand Steinitz auf, drückte seinem Kontrahenten die Hand und sagte laut: ,,Ein dreifaches Hoch dem neuen Weltmeister!"

Das Resultat des Wettkampfes Lasker - Steinitz (+10, - 5, =4) entsprach fast jenem des Wettkampfes um die Weltmeisterschaft Steinitz - Zukertort 1886, das nur eine Remispartie mehr aufwies!

So glanzvoll gestaltete sich der Weg Laskers von den ersten bescheidenen Schritten bis zum Gipfel des Olymps! Die Schachwelt war über dieses Ergebnis indes schockiert. ,,Eine Niederlage erlitt nicht das Spiel, sondern das Alter Steinitz‘", erklärte Siegbert Tarrasch. ,,Lasker mangelt die Tiefe des Steinitzschen Spiels". behauptete Curt von Bardeleben. In der ,,Deutschen Schachzeitung" setzte er sich im weiteren höchst kritisch mit dem Ausgang des Wettkampfes und dem Spiel Laskers auseinander. Bardeleben schrieb: ,,Sein Spiel ist ziemlich frei von Fehlern, und das ist der Hauptgrund seines Sieges über Steinitz." Als andere Vorzüge Laskers nannte Bardeleben Gelassenheit und Umsicht bei der Verteidigung schwieriger Stellungen. Insgesamt fiel die Charakteristik des neuen Weltmeisters aber mißbilligend aus. ,,Sein Stil ist kein besonders angriffslustiger, seinen Kombinationen mangelt Feuer . . . Vor allem ist sein Spiel durch äußerste Vorsicht gekennzeichnet." Nicht einhellig waren die Reaktionen in Russland. ,,Wie soll man den Misserfolg Steinitz‘ erklären?". fragte die Tschigorinsche Zeitschrift ,,Schachmaty". ,,Ist er alt geworden, so dass ihm das Zepter unserer Kunst, das er so lange hochhielt, von alleine aus den Händen glitt? . . . Für jeden läuft die Zeit einmal ab. Mit diesem Schicksal müssen wir uns alle abfinden."

Das Alter Steinitz‘, sein unausgeglichenes Spiel und andererseits die Solidität des Herausforderers, seine Zähigkeit bei der Verteidigung - dies also waren die Eckpfeiler, die dem Berliner Meister nach Ansicht der Zeitgenossen den Sieg brachten. In jeder Äußerung steckte ein Körnchen Wahrheit. Selbstverständlich, Steinitz war 33 Jahre älter als sein Kontrahent. Lag darin aber der Grund für das ,.Nachlassen der Kräfte"? Spielte er schlechter als in seinen früheren Wettkämpfen, oder wurde er dazu durch Lasker gezwungen? War er krank? Die Partien ließen nicht darauf schließen.

Heute ist eines klar: Die Zeitgenossen vermochten in diesem Augenblick das Neuartige im Spiel des jungen Siegers nicht zu erkennen. Wie José Raoul Capablanca ein halbes Jahrhundert später richtig schrieb. ,,wurde niemand der großen Schachspieler von der überwiegenden Mehrheit der Schachfreunde und selbst von Meistern so wenig verstanden wie Emanuel Lasker". Steinitz saß ein Schachspieler gegenüber, der sich seine Prinzipien angeeignet hatte ohne sich eng an sie gebunden zu fühlen. Ein Schachspieler, der das Positions- und Kombinationsspiel gleichermaßen beherrschte und Steinitz in der Kunst der Verteidigung und im Endspiel übertraf. Ihm saß ein Partner gegenüber, der wie keiner vor ihm bis an die Grenzen seiner physischen Kräfte ging und bestrebt war, alle Ressourcen der Stellung auszuschöpfen.

Schließlich (und dies ließ Steinitz völlig außer acht!) erkannte Lasker als erster die untrennbare Einheit zwischen den Schachfiguren und dem Menschen, der sie lenkt. Während der Vorbereitung auf den Wettkampf studierte Lasker nicht nur intensiv die Partien Steinitz‘, die von ihm bevorzugten Eröffnungssysteme, sondern auch die Besonderheiten seines Spiels, die durch seinen Charakter, sein Temperament und seine Erfahrung geprägt wurden. Völlig recht geben muss man Rudolf Spielmann, der ihn später den ,,größten Meister der Vorbereitung" nannte!

Steinitz, der das Neuartige an seinem Gegner und damit auch die Ursache der Niederlage nicht begriff, beschloß, angestachelt durch die Bewunderer seines Talents, die Auseinandersetzung mit Lasker in einem Revanchewettkampf fortzusetzen. Doch das ist eine andere Geschichte...