Cambridge Springs 25.April 1904/ USA

Partien im Format: PGN Partien im Format: ChessBase 6.0


Emanuel Lasker
Die Amerikaner organisierten das von ihnen geplante stärkste internationale Turnier in der Geschichte des Landes. Am 16. April 1904 trafen in New York auf dem Dampfer ,,Pretoria" die Schachmatadore Europas ein - Lasker, Janowski, Tschigorin, Schlechter, Maroczy, Mieses, Teichmann und Lawrence. Für Amerika spielten Pillsbury, Marshall, Showalter, Fox, Napier, Hodges, Barry und Delmar.

Zu Ehren dieses herausragenden Ereignisses im kulturellen Leben des Landes wurden Empfänge gegeben, Bankette veranstaltet. Erst am 21. April begaben sich die Teilnehmer in den Kurort Cambridge Springs und vier Tage später begann das Turnier. Es rief in der ganzen Welt viel Interesse hervor. Erstmals wurde nach jeder Runde ein Bulletin herausgegeben. das alle Partien enthielt.

Glanzvoll und überraschend für alle ging Frank Marshall aus dem Turnier als Sieger hervor. Er holte 13 Punkte aus 15 Partien und ließ Lasker und Janowski, die sich den 2.- 3. Platz teilten, gleich zwei Punkte hinter sich. Dabei schloss der Weltmeister nur deshalb zu Janowski auf, weil er in der letzten Runde gegen ihn zum Erfolg kam. Diese Partie wurde zu einer der interessantesten des Turniers, und dies nicht nur wegen ihrer Bedeutung für die Endabrechnung, sondern auch wegen der Leidenschaftlichkeit des Kampfes. In der Folge kamen viele Analytiker immer wieder auf diese Begegnung zurück.

Im Spiel Laskers machte sich seine fehlende Turnierpraxis bemerkbar: immerhin hatte er an derartigen Veranstaltungen schon vier Jahre nicht mehr teilgenommen! Dennoch spielte der Weltmeister eine Reihe unvergesslicher Partien. In einigen demonstrierte er seine vorbildliche Endspieltechnik, wie z. B. gegen Delmar und Teichmann, in anderen großartige Angriffe und Gegenattacken, so in den Partien mit Tschigorin, Mieses und Napier. In der letztgenannten schlugen sich beide Kontrahenten ausgezeichnet. Sieht man sie sich an, glaubt man ein Meisterwerk vor sich zu haben, das nicht am Anfang des 20., sondern Mitte des 19.Jahrhunderts geschaffen wurde. Denn so spielten einmal die alten Meister, die Romantiker des Schachs!

Nach fünf Runden verfügte Lasker über 4 Punkte und lag mit an der Tabellenspitze. In der 6. Runde zog er jedoch gegen seinen "alten Rivalen" Pillsbury den kürzeren, der speziell für dieses Treffen mit ihm eine Verstärkung in einer Variante vorbereitete, die beide schon im Petersburger Turnier von 1895/96 auf dem Brett hatten. Durch diesen Sieg verbesserte Pillsbury das Punktekonto ihrer persönlichen Begegnungen. Es lautete nunmehr nur noch +5, -4, =4 zu Gunsten von Lasker.

Eine weitere Niederlage musste Lasker gegen Schlechter einstecken, wobei er ebenfalls mit den schwarzen Steinen spielte. Diesmal nötigte Lasker seinem Gegner geradezu einen Angriff auf, als er seine Rochadestellung mit den aktiven Zügen f7-f5 und g7-g5 sträflich entblößte. Schlechter blieb überhaupt nichts anderes übrig, als die Herausforderung anzunehmen. Seine Drohungen erwiesen sich dabei als konkreter und gefährlicher. Lasker musste ohne ausreichende Kompensation die Dame opfern und stellte im 37. Zuge die Uhr ab. Und obwohl Lasker in den verbliebenen Runden nur noch Siege verbuchte, konnte er den enteilten Marshall nicht mehr erreichen.

Wie nahm die Schachwelt die Ergebnisse von Cambridge Springs auf? Die Amerikaner jubelten natürlich: Unter den fünf Besten befanden sich zwei ihrer Landsleute. Den 5. Platz belegte der gut spielende Showalter, und den Sieg errang Marshall. Er verlor dabei keine einzige Partie und wurde von der Presse als ein würdiger Nachfolger Paul Morphys bezeichnet! Was Lasker angeht, so zeigte, wie die Zeitschrift ,,Checkmate" feststellte, "der große Achill seine Verwundbarkeit". Auch in Europa riefen die Ergebnisse des Turniers Zweifel an der unangefochtenen Vorherrschaft Laskers über andere Spitzenkönner hervor. Die Zeitschrift ,,Bohemia" schrieb:

,,Der Weltmeister hat die Erwartungen seiner Anhänger diesmal etwas enttäuscht. Kann man die Niederlage gegen Pillsbury, der im Damengambit einen neuen, lange geheim gehaltenen Zug anwandte, noch entschuldigen, so ist dennoch nicht zu übersehen, dass von der großen Überlegenheit, mir der er vor einigen Jahren alle seine Konkurrenten in den Schatten stellte, heute keine Rede sein kann. Der Hauptgrund für den relativen Misserfolg, der für viele andere Meister selbstverständlich noch ein herausragendes Ergebnis gewesen wäre, ist vermutlich die ungenügende Anzahl von Treffen mit starken Gegnern." In der Tat, die Weltmeisterkrone wiegt schwer! Von einem Schachkönig erwartet man nur Siege, und schon ein zweiter Platz ist ein Misserfolg! Immer und überall zu gewinnen ist jedoch unmöglich. Dies wusste auch Lasker.

Und so war er bereit, die Herausforderung jedes namhaften Schachspielers anzunehmen, um sein Renommee aufzufrischen!

Lasker als Vorkämpfer für bessere Bedingungen!

Bald nach Beendigung des Turniers hielt es sein Sieger Marshall für vertretbar, dem Weltmeister den Fehdehandschuh hinzuwerfen. Lasker nahm ihn auf. Dabei behielt er sich das Recht vor, Ort und Zeit des Kampfes festzulegen, während er dem Herausforderer die Verpflichtung auferlegte, den Preisfonds zu sichern. Als sich herausstellte, dass Marshall nicht in der Lage war, diese Bedingung zu erfüllen, wurden Vorwürfe an die Adresse Laskers laut. William Napier äußerte sich in der "Pittsburgh Dispatch" wie folgt: ,,Wie viele Züge in einer ;Stunde zu machen und wie viele Partien insgesamt zu absolvieren sind, dies nach seinen eigenen Wünschen festzulegen, sollte man Lasker durchaus zubilligen. Was aber die Einsätze und die Austragungsorte des Wettkampfes betrifft, legt er Marshall Hindernisse in den Weg, wie es einem wahren Sportsmann unwürdig ist."

In der Septembernummer der Zeitschrift "Checkmate" bestritt man ebenfalls die Rechtmäßigkeit der Bedingungen des Weltmeisters: "Unsere Erwartungen, einen interessanten Wettkampf zu erleben, erfüllten sich nicht. Lasker hat mit seiner unnachgiebigen Forderung, um mindestens 2000 Dollar zu spielen, sofort alle Hoffnungen zunichte gemacht."

In einem Antwortbrief an den Redakteur der Zeitschrift erläuterte Lasker seine Position recht eindeutig: ,,Mit Verärgerung sah ich, dass Sie in Bezug auf die Herausforderung Marshalls zu einem Wettkampf um die Weltmeisterschaft meine Bedingungen scharf kritisieren, und zwar, dass ich auf dem Einsatz von beiderseits mindestens 2000 Dollar bestehe ... Wovon lasse ich mich bei der Wahl des Gegners leiten? Wenn mich ein Schachspieler zu einem Wettkampf herausfordert und die finanziellen Bedingungen nicht erfüllen kann, ist völlig klar, dass die Schachwelt seine Verdienste als zu gering wertet, um für den Weltmeistertitel zu kandidieren; folglich wäre es für ihn besser, irgend jemand anderen zum Zweikampf zu fordern. Im vorliegenden Fall dürfte es für Marshall nicht schwer sein, zu den vorgeschlagenen Bedingungen einer Wettkampf gegen Janowski zu organisieren.

Außerdem vergessen Sie meines Erachtens noch einen weiteren wichtigen Aspekt. Will die Schachwelt sich beglücken lassen, in Spannung gehalten werden und von den Stärksten lernen, d. h. alles erhalten, was gerade ein Wettkampf um die Weltmeisterschaft Zehntausenden heutiger Schachspieler und in bestimmtem Maße sogar künftigen Generationen bietet, warum soll die Schachwelt dafür nicht bezahlen? Ich habe bereits darauf verwiesen, dass die Teilnehmer nicht wenig Zeit und Gesundheit opfern. Weshalb erwartet die Schachwelt all diese Opfer von einem Meister, weshalb schafft sie nicht die Bedingungen, wo sich die ganze Frage doch im wesentlichen ... um die Prämiensumme dreht!" Nach Beendigung des Turniers in Cambridge Springs blieb Lasker in Amerika. Unter seiner Redaktion wurde schon bald die Zeitschrift ,,Lasker‘s Chess Magazine" ins Leben gerufen.